Bemerkenswert

Wir hatten ein Gefieder!*

Gefieder.jpg
Nach Georges Bataille* geschieht Literatur dort, wo der Text wirklich
mit dem Leser kommuniziert.
Ein solcher Text berührt und verwundet die Lesenden.
Gefährdet sie, weil er ihre Identität aufbricht.
Nur dann ist er
„die Erzählung, die die Möglichkeiten des Lebens offenbart […].“ (1)
Nur dann ereignet sich auch das authentische Schreiben der Verausgabung.
Nur dann beginnt der Mensch zu fliegen.
(1) Georges Bataille, Das Blau des Himmels, S.13f
© Foto und Text: Karin Kontny

Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach (DLA) archiviert seit 2008 ausgewählte literarische Online-Publikationen. Auch die Texte dieses Blogs – im Sinne der Konzeptliteratur miteinander verknüpfte Fundstücke aus der analogen und der virtuellen Welt – werden im Rahmen von „Literatur im Netz“ seit 2018 gesammelt:

http://literatur-im-netz.dla-marbach.de/zdb2928679-7.html

LiteraturimNetz 2 Kopie

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IMPRESSUM

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Und die Welt wirft Wellen

Prolog 

Und die Welt

und die Welt 

und die Welt

wirft Wellen 

frag dich 

warum 

Es stehen in Stein gemeißelt
Auf einem zerknitterten Zettel
in den Linien, dem Gesicht deiner Hand 

Schönheit und Schuld: 

Die Erinnerung an das Bad
mit dir im Wald im See, spontan.
Der Stern am Himmel in der leisen Nacht.
Das glänzende Schokoladenpapier, der heimlich vernaschte Osterhase. Das Stückchen Brot, auf eine Bank gelegt nahe des Steinbruchs.
Für die jüdischen Häftlinge, die jeden Tag an dir vorübergehen.
Das nicht gesagte Wort.
Die nicht gereichte Hand.
Die deutschen Waffen, geschickt in den Nahen Osten.
Die alte Frau, die im Park das Eichhörnchen streichelt und
der Hund, der dir dein Wurstbrötchen klaut.
Die überall Zurückgelassenen, das schlechte Gewissen.
/Das Herz lärmt, ins Gebet genommen/
Das ist der steinige Weg. 

Doch höret!
Von dem, was zu  sehen ist,
will ich nicht reden. 

Will sprechen vom Zittern zwischen  den Gräsern und
dem Mund, der
eine Wohnung sucht  hinter dem Netz des Gesagten. /Der Tau hat darauf seine Spuren hinterlassen/ 

Von dem, was zu sagen wäre will ich schweigen
und eine Hand nehmen und 

Und die Welt
und die Welt
und die Welt wirft Wellen 

frag dich warum 

Es stehen in Stein gemeißelt
Auf einem verknitterten Zettel,
in den Linien, dem Gesicht deiner Hand 

Schönheit und Schuld 

Epilog 

Und eine*r werfe den ersten Stein.  Und eine*r baue daraus ein Haus. 

Und die Welt wirft Wellen. 

© Lecture Performance: Karin Kontny
© Flagge/Abbildung: Text und Idee Karin Kontny, Foto Max Eicke 

Du bist in meinem Herzkasten

Rüdiger Rüttger_RitterBadUrach

Rüdiger Rüttger hatte ein gebrochenes Herz. 
Es war nicht immer so gewesen. Schuld war – wie kann es anders sein? – eine Frau. Eine, die ihn betrog. 
Freilich nur, weil er zuvor das Gleiche tat. 
(Was in seinen Augen natürlich anders zu gewichten war.) 

Der Schmerz, das erzählte Rüdiger Rüttger gerne in intimen Gesprächen bei Candlelight, hatte ihn für immer verwüstet. Für eine Beziehung unpässlich gemacht. Besonders Frauen reagierten mit äußerster Zuneigung auf diese Herzensbeichte, auf seine Verzweiflung. Und liefen ihm in Scharen nach. Mühten sie sich nur genug, so ihr Irrglaube, würde das vermutlich sensibel klopfende Liebesorgan in seiner Brust wieder zugänglich. 

Doch stattdessen sammelte Rüdiger Rüttger die Frauen wie Trophäen in einem Herzkasten zu seinen Füßen. Von dort schauten sie großäugig zu im auf, die Wimpern stets frisch getuscht. Sie buhlten um seine Gunst. So angebetet fühlte sich Rüdiger Rüttger sicher und stark. Und verwandelte sich eines Tages in Stein. Die Frauen dagegen wurden zu Kuscheltierchen.

© Text und Foto: Karin Kontny

Expedition ins Menschenleben No.2 Spuren. Suche.

Kreis

Das ist der Anfang vom Ende

das ist die Welt

die Welt ist ein Bauch

überzogen von Narben

daraus kommst du, davon gehst du.

In deiner Sprechblase ist dann kein Wort, nur ein Schrei vielleicht,

in Stein gemeißelt oder

ein Suchergebnis im World Wide Web.

 

Siehe, das ist das Kind

seine Worte sind oh ah ma dada

es leckt sie rund wie Kiesel

die Sprache ist sein Meilenstein, sein Spiel

„Es tanzt ein Bibabutzemann in unserm Kreis herum.“

Über den Stein stolpert das Kind, die Hände voraus,

fünffingriger Abdruck im Sand.

Das Kind, es wächst mit den Sommern, die nie enden und

nach Freibad riechen, Pommes und Teer.

Seine Zeit ist ein Loch, in das die Ideen fallen und Träume.

Hörst du ihr Echo? Es wächst die Hauswand entlang

und malt, was es gibt und braucht: Eis am Stiel, Ohrenschützer. Blindenschrift.

Die Sprechblase ist übervoll.  Das Gehirn des Kindes ist ein Trampolin.

Von hier schwingt es sich auf.

 

Siehe, das ist das Puber-Tier.

Es herrschen stürmische Zeiten

Extremwetter Klimawandel Starkregen. Die Welt ächzt und

das Pubertier, das ein Kind war, trägt jetzt in sich das Schweigen aller Lebewesen.

Daraus wächst sein Ich.

Nur ein falsches Wort oder die fehlende Tat und

es brüllt heraus die Wut, die dir längst fehlt:

„Wie könnt Ihr es wagen? Ihr habt mir meine Kindheit, meine Träume gestohlen!“

Und du, du erkennst es nicht wieder.

Es stößt dich vor den Kopf.

Es bricht auf und es lässt dich zurück

 

zurück in deinem erwachsenen Hamsterrad,

in der Tretmühle deines faden Alltags, in dem Dir oft die Worte fehlen.

Sie sind aufgebraucht für Exceltabellen und falsche Diskussionen,

in denen du der Rechthaber bleiben musst. Ehrensache und

eine Frage des Geldes.

Du lebst von den Resten deines müden Sommers am Meer.

Als Tourist rennst durch die Gassen deines Lebens

die Häuser ducken sich, ihre Fensterläden sind vom Salz zerfressen und

ihre Mauern vom Sand mürbe wie du. So oft.

Vielleicht ist etwas geblieben von dir, da am Strand,

etwas, das Du bist. Inventur.

*1 Strandburg  2 Handtücher 1 Badehose 1 Bikinioberteil

flatternd im Wind auf der Wäscheleine in der Calle Picasso No. 5,

Kanarische Inseln, Reise gebucht mit Thomas Cook

*1 Haargummi, 1 zerlesenes Taschenbuch – Titel „Donald Duck beschließt zu leben“

* auf dem Fensterbrett der Finca die Steuererklärung für dieses Jahr,

gefaltet zu kleinen Booten aus Papier

* auf dem Boden die letzten Krümel eines Glückskeks’, den Zettel mit dem Spruch

hast du aufbewahrt. Zerknüllt, Hosentasche links:

„Der Mensch ist dazu geboren, Großes zu leisten,

wenn er versteht, sich selbst zu besiegen.“

Bruce Lee,

word!

 

Siehe, das ist der Greis, der sich jetzt Best Ager nennt.

Er schleppt ein Paket mit sich herum, das heißt

Erfahrung oder Weißheit, vom Leben mit Verspätung zugestellt.

Manchmal kommt er sich dabei vor wie Atlas, der den Himmel stützt,

dort am Rande der Welt.

Das ist der Mensch.

Seine Lebenserinnerungen wiegen schwer und sind doch ganz leicht.

Gedruckt auf Zeitungspapier machten sie beispielsweise bei Urs Seematter,

einem anerkannten Archäologen,

circa 5 Gramm aus.

Außerdem 10 x 10 Zentimeter Text in der lokalen Tageszeitung, mit Bild.

Zitat:

Der Forscher, dem vor vier Jahren auch der spektakuläre Fund eines prähistorischen Schuhs zugeschrieben wurde, hat im hohen Alter eine neue Berufung gefunden.

Der ehemalige Leiter eines privaten archäologischen Instituts widmet sich nun „ringförmigen Zeichen der Zivilisation der Moderne am Walensee“ (Kantone St. Gallen/Glarus).

Diese Zeichen ließen sich, so Seematter, durchaus mit Gebilden aus dem Spätneolithikum vergleichen.

Frage des Journalisten: Heißt das, wir drehen uns im Kreis?

Doch der renommierte Forscher möchte zum jetzigen Zeitpunkt aus diesen Ergebnissen noch keine eindeutigen Rückschlüsse auf die tatsächliche Entwicklung der Menschheit ziehen.

„Das wäre zu voreilig“, betont er.

 

Das ist das Ende vom Anfang.

das ist die Welt

die Welt ist ein Bauch

überzogen von Narben

daraus kommst du, davon gehst du.

In deiner Sprechblase ist dann kein Wort, nur ein Schrei vielleicht,

in Stein gemeißelt oder

ein Suchergebnis im World Wide Web.

 

Die die vor uns waren, sind die, die nach uns kommen.

Wir aber gingen so

 

Ein unaufhörliches Poem; für Dieter Luz und Peter-Michael Weber

(zur Ausstellung „Mühle – Spiel. Elemente aus Nyonyosi)

© Text und Foto: Karin Kontny

 

Du gehörst jetzt mir

Wirhatten

Heute habe ich dein Leben gekauft.
Zumindest einen Teil davon. Für 20 Euro hätte ich dich ganz haben können. Mitten in Strasbourg. Mindestens fünf Menschen können es bezeugen. Während ich mich über dich beugte, sahen sie mir zu. Einige kommentierten ungläubig, was ich tat und machten sich laut Gedanken darüber, was ich wohl noch vorhätte mit dir. Unerklärlich schien ihnen mein Interesse. Dein Leben. Nichts Großes, nichts Bedeutendes.
Bist du doch ein Niemand. Keine Prominente.

Ich aber, ich will, dich. Alles an dir zieht mich an. Dein Blick, gesenkt, in der Nähe eines Mannes. Im Beisein von Frauen, auch. Dein dunkles lockiges Haar, du trägst es immer offen, berührt meines, glatt und lang, wenn ich vorsichtig über dein Gesicht streichle. Mit dem Zeigefinder nur. Während ich dich so zum ersten Mal berühre, kniend vor dir, erzählt mir dein Verkäufer / er ist mit dir verwandt / im Schnelldurchlauf, was dich ausmacht. Der weiße Hund, den du liebtest, ein Wattebausch aus Fell. Die Freundin, die deinen Mann genauso begehrte wie du, vielleicht, und die ihn mit dir teilte. Man weiß es nicht genau. Die gemeinsamen Ausflüge in die Berge mit ihm. Er rauchte selbst dort, auf dem Gipfel, und sah dabei aus wie ein Filmstar. Wenigstens er.
Manchmal übernachtetet ihr dann in teuren Hotels, sagt dein Verkäufer, während meine Hände mehr und mehr nach dir suchen und immer geiler in dir graben. In deinem vor mir ausgebreiteten Alles. In der vorsichtigen Mütterlichkeit in deinen erwachsenen Augen und in deinen Beinen, geöffnet zum Sprung. Als wollten sie gleich fortlaufen für immer.

Aber du rennst nicht mehr. Du bleibst. Bei mir jetzt, in meiner Hand und meinen Gedanken, die dich umspinnen. Seit Minuten schon. Da, ganz öffentlich. Gegenüber ein indisches Restaurant (plat du jour: poulet avec sauce, rice, nan pain). Auf der Rue de Zurich, Quartier Krutenau.Ich darf alles mit dir machen, sagt dein Verkäufer. Und fragt nicht ein einziges Mal nach, was ich nun vorhabe mit dir. Nur eins scheint er begriffen zu haben: dass du mir etwas bedeutest. Und das nutzt er aus.
Der Preis, den ich für einen Bruchteil deines Lebens bezahlt habe, beträgt am Ende einen Euro. Deutlich mehr, als hätte ich alles von dir genommen.
Wenn er nur wüsste, dieser Mann, ein Verwandter, da auf diesem Flohmarkt, dass du unbezahlbar bist für mich. Du, ausgebreitet in einer Erzählung aus sieben Fotos.

Dein Ausschnitt vom Leben.

© Text und Fotos: Karin Kontny

Regentag mit Orang-Utan

OrangUtan

Ich breche aus, er ist eingesperrt. Trotzdem ist da dieses Verständnis. Wir zwinkern uns zu. Ich lese ihm vor. Aus „Verkaufe Haus, in dem ich nicht mehr wohnen will“ von Bohumil Hrabal. Der Orang-Utan winkt. Vielleicht hat er Hunger. Oder will mit. Nach Prag. Spontan. An einem Regentag wie diesem. Doch dann reicht uns beiden das Staubkorn Sonne, das langsam die Wolken zerbeißt. Immobilienanzeige zurückgezogen. Wir bleiben.

© Text und Foto: Karin Kontny

Ernte

Tilmans

 

Deine Achselhaare deine

schönen Achselhaare du

hast sie rasiert nun liegt

 

brach und abgeerntet

gemäht dein Hautfeld da weißes

 

Land darinnen Stoppeln

ich vermisse die Ähren und

das Pheromon in der Hitze

 

auf deinen Äckern ausgestreut

damit mein Mund darin kaut

dich atmet und müde versinkt.

 

© Text: Karin Kontny;

zur Arbeit „Chemistry Square, armpit“ (1992)  von Wolfgang Tillmans