Die Reste eines Sommers

 

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Er war der Letzte, der das Dorf in den schwarzen Bergen am Meer verließ. Vorher war er noch einmal durch die Gassen gegangen. Vorbei an den geduckten Häusern mit ihren vom Salz zerfressenen Fensterläden und den Mauern, die der Sand mürbe gemacht hatte. An jedem dieser Häuser hatte er Halt gemacht und in seinem Notizbuch die Dinge aufgelistet, die auf den Plätzen, auf Bänken und Tischen liegengeblieben waren:

* 1 Haargummi, 1 Taschenbuch – Donald Duck (Calle Caracol No. 3)
* 1 Babypuppe, drei Schwimmbretter, Sandelzeug (neben der Ruine)
* 1 Skatspiel, nicht vollständig, die Karten auf dem Betonboden verteilt, 1 Wasserballschläger (im Windfang, direkt an der Küste)
* 1 Terrassenstuhl, türkisgrüner Bezug, Metallgestell schon stark verrostet (am Bouleplatz)
* 3 schwarze prall gefüllte Tüten, dem Gestank nach vermutlich Müll (am Ortseingang stehen gelassen)
* 1 Handtuch, 1 Badehose, 1 Bikinioberteil, flatternd im Wind (Wäscheleine, Calle Picasso No. 5)

Nachdem er seine Inventur beendet hatte, machte er sich daran, sich vom Sommer zu verabschieden. In diesem Jahr schenkte er dem Meer seine Steuererklärung. Gefaltet zu kleinen Booten aus Papier.

© Text und Foto: Karin Kontny

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Expedition ins Menschenleben

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Der Forscher Urs Seematter, dem vor vier Jahren auch der spektakuläre Fund einer prähistorischen Socke zugeschrieben wurde, soll eine neue Berufung gefunden haben. Der ehemalige Leiter eines privaten archäologischen Instituts widmet sich nun “ringförmigen Zeichen der Zivilisation der Moderne am Walensee” (Kantone St Gallen/Glarus) ). Diese Zeichen ließen sich, so Seematter, durchaus mit Gebilden aus dem Spätneolithikum vergleichen. Gleichzeitig möchte der renommierte Forscher aber zum jetzigen Zeitpunkt aus diesen Ergebnissen noch keine eindeutigen Rückschlüsse auf die tatsächliche Entwicklung der Menschheit ziehen. “Das wäre zu voreilig”, betonte er im Gespräch mit dem Redakteur einer international anerkannten Fachzeitschrift.

© Text und Foto: Karin Kontny

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen Volume #2

 

ZahlenFürchten

Ein Vater hatte zwei Söhne, davon war der älteste klug und gescheit und wusste sich in alles wohl zu schicken. Der jüngste aber war dumm, konnte nichts begreifen und lernen. Er hatte bereits sein zweites Studium abgebrochen, und wenn ihn die Leute sahen, sprachen sie:
„Mit dem wird die Familie noch ihre Last haben!“

Nun geschah es, dass der Vater ihn mahnte: „Mensch, Junge, was soll nur aus dir werden? Ich mache mir ernsthafte Sorgen.“
Wie zur Hölle sollte sich sein Jüngster in dieser Welt nur zurechtfinden? Sein Blick war verstellt, die rosarote Brille war sein stetiger Begleiter.
„Du tappst im Dunkeln!“ urteilte der Vater. „Es kann so nicht weitergehen.“

Weil er aber ein Mann mit Herz war, wollte er seinen Sohn nicht übergehen und fragte ihn, wie er sich sein Leben denn so vorstelle. Von der Antwort erzählt er seinen Freunden am Stammtisch bei jedem Treffen: „Denkt euch, als ich ihn gefragt, womit er sein Brot verdienen wollte, hat er gar verlangt das Gruseln zu lernen!“

Dann huscht ein stolzes Lächeln über das väterliche Gesicht.
Sein Sohn macht heute dunkle Geschäfte.
Aktienfonds, Wertpapiere, Versicherungen.
Die Ausbildung hat ihm der Vater organisiert.
Seitdem gruselt sich der Sohn regelmäßig.
Und verdient dabei auch noch richtig Geld.

© Text: Karin Kontny, nach einem Märchen der Gebrüder Grimm

© Foto: Karin Kontny, histor. Postkarte New York Stock Exchange/ The Nation’s Market Place

(“Be sure to visit the Stock Exchange when you are in New York City. See the vast trading floor – almost as large as a football field – and dramatic displays of America’s great industries.”)

Zugeständnisse

PostkarteSpielewelt
Seit 28 Tagen verzichtete Raimund bereits auf sein Kraftfahrzeug, von dem er sich getrennt hatte, um diese Frau zu beeindrucken. Sie war Radfahrerin, hatte blonde Haare und darüberhinaus sein Leben verändert. Um nicht zu sagen: sie hatte es gänzlich umgekrempelt. Nach gerade einmal zwei Wochen. Für einen Heiratsantrag aber, so fühlte Raimund, wäre es dennoch zu früh gewesen. Die Sache mit dem Pkw erschien ihm darum als ein guter Kompromiss.

Nun aber, an einem Dienstagmorgen, war sein Zugeständnis kaum mehr haltbar. Er war rückfällig geworden. Weder Feinstaubalarm noch der Gedanke an Liebesentzug konnten Raimund daran hindern, sich mit dem Zug auf den Weg in ein Freizeitcenter am Fuße des Rechbergs zu machen. Dort drehte er drei Stunden lang auf einem Box-Auto, der Nachbildung eines Käfers, seine Runden. Danach kehrte er schuldbewusst nach Hause zurück.

© Text: Karin Kontny
© Foto: Karin Kontny; Postkarte Spiel- und Freizeitcenter auf dem Rehgebirge unterm Rechberg

Würde (Auf den Fluren der Ämter II)

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Er hatte es schon immer gewusst: er war vollkommen.
Nicht umsonst hatte der Automat ihm genau den Zettel ausgegeben, dessen Nummern addiert die Summe 12, die heilige Zahl ergaben.
So bestätigt machte es ihm auf einmal auch nichts mehr aus, dass er womöglich einen Tag und eine Nacht, also 24 Stunden, würde hier ausharren müssen. Auch zwölf Monate erschienen ihm plötzlich als machbar. Er, die neugeborenen Sonne des menschlichen Universums, würde das schon aussitzen.
Mehr noch. Er würde die Wartezeit mit all seiner Genialität ausfüllen. Würde sie ausbreiten über dem orangefarbenen Linoleumboden wie einen roten Teppich.

 

© Text: Karin Kontny © Foto: Max Eicke

Gelangweilte Blicke

 

 

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Der Mann, der die Hoffnung verkauft, hat sein Warenangebot auf einem Tapeziertisch ausgebreitet. Wenig steht darauf. Drei Schiffe nur. Detailgetreue Nachbauten eines Vier-, eines Zwei- und eines Einmasters aus Holz.
Seit der Mann seine Arbeit verloren hat, baut er diese Modelle. Von morgens bis abends sitzt er in einer betongrauen Bauruine am Hafen von Kalamata und wartet auf Kundschaft. Dabei blickt er aufs Meer.
Manchmal verirren sich ein paar Besucher aus dem benachbarten Indoor-Freizeitpark zu ihm. Gelangweilt streifen ihre Blicke seine Schiffe. Keine Animation, keine Action. Kein Trampolin, keine Hüpfburg, kein Bällebad.
Obwohl er fast nie etwas verkauft, kommt der Mann jeden Tag wieder hierher ans Meer. Sitzt. Wartet. Und baut an einem neuen Schiff.

© Text und Foto: Karin Kontny