Du gehörst jetzt mir

 

Heute habe ich dein Leben gekauft.
Zumindest einen Teil davon. Für 20 Euro hätte ich dich ganz haben können. Mitten in Strasbourg. Mindestens fünf Menschen können es bezeugen. Während ich mich über dich beugte, sahen sie mir zu. Einige kommentierten ungläubig, was ich tat und machten sich laut Gedanken darüber, was ich wohl noch vorhätte mit dir. Unerklärlich schien ihnen mein Interesse. Dein Leben. Nichts Großes, nichts Bedeutendes.
Bist du doch ein Niemand. Keine Prominente.

Ich aber, ich will, dich. Alles an dir zieht mich an. Dein Blick, gesenkt, in der Nähe eines Mannes. Im Beisein von Frauen, auch. Dein dunkles lockiges Haar, du trägst es immer offen, berührt meines, glatt und lang, wenn ich vorsichtig über dein Gesicht streichle. Mit dem Zeigefinder nur. Während ich dich so zum ersten Mal berühre, kniend vor dir, erzählt mir dein Verkäufer / er ist mit dir verwandt / im Schnelldurchlauf, was dich ausmacht. Der weiße Hund, den du liebtest, ein Wattebausch aus Fell. Die Freundin, die deinen Mann genauso begehrte wie du, vielleicht, und die ihn mit dir teilte. Man weiß es nicht genau. Die gemeinsamen Ausflüge in die Berge mit ihm. Er rauchte selbst dort, auf dem Gipfel, und sah dabei aus wie ein Filmstar. Wenigstens er.
Manchmal übernachtetet ihr dann in teuren Hotels, sagt dein Verkäufer, während meine Hände mehr und mehr nach dir suchen und immer geiler in dir graben. In deinem vor mir ausgebreiteten Alles. In der vorsichtigen Mütterlichkeit in deinen erwachsenen Augen und in deinen Beinen, geöffnet zum Sprung. Als wollten sie gleich fortlaufen für immer.

Aber du rennst nicht mehr. Du bleibst. Bei mir jetzt, in meiner Hand und meinen Gedanken, die dich umspinnen. Seit Minuten schon. Da, ganz öffentlich. Gegenüber ein indisches Restaurant (plat du jour: poulet avec sauce, rice, nan pain). Auf der Rue de Zurich, Quartier Krutenau.Ich darf alles mit dir machen, sagt dein Verkäufer. Und fragt nicht ein einziges Mal nach, was ich nun vorhabe mit dir. Nur eins scheint er begriffen zu haben: dass du mir etwas bedeutest. Und das nutzt er aus.
Der Preis, den ich für einen Bruchteil deines Lebens bezahlt habe, beträgt am Ende einen Euro. Deutlich mehr, als hätte ich alles von dir genommen.
Wenn er nur wüsste, dieser Mann, ein Verwandter, da auf diesem Flohmarkt, dass du unbezahlbar bist für mich. Du, ausgebreitet in einer Erzählung aus sieben Fotos.

Dein Ausschnitt vom Leben.

 

Wirhatten

 

© Text und Fotos: Karin Kontny

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Regentag mit Orang-Utan

OrangUtan

Ich breche aus, er ist eingesperrt. Trotzdem ist da dieses Verständnis. Wir zwinkern uns zu. Ich lese ihm vor. Aus „Verkaufe Haus, in dem ich nicht mehr wohnen will“ von Bohumil Hrabal. Der Orang-Utan winkt. Vielleicht hat er Hunger. Oder will mit. Nach Prag. Spontan. An einem Regentag wie diesem. Doch dann reicht uns beiden das Staubkorn Sonne, das langsam die Wolken zerbeißt. Immobilienanzeige zurückgezogen. Wir bleiben.

© Text und Foto: Karin Kontny

Ernte

Tilmans

 

Deine Achselhaare deine

schönen Achselhaare du

hast sie rasiert nun liegt

 

brach und abgeerntet

gemäht dein Hautfeld da weißes

 

Land darinnen Stoppeln

ich vermisse die Ähren und

das Pheromon in der Hitze

 

auf deinen Äckern ausgestreut

damit mein Mund darin kaut

dich atmet und müde versinkt.

 

© Text: Karin Kontny;

zur Arbeit „Chemistry Square, armpit“ (1992)  von Wolfgang Tillmans

Critique de la vie quotidienne

Aufstehen. Streife mir den Schweiß der Nacht über den Kopf. Im Radio das Horoskop füllt meinen Zahnputzbecher mit Schaum. Die Haut glänzt ölig. Von draußen das Licht. Auf dem Fensterbrett Staub, macht die Bücher trüb. Kaffeefleck auf der Zeitung. Die Butter ist ranzig. Instagram raubt mir Identität und Verstand. Der lacht: Ich bin alltäglich.

© Text und Foto: Karin Kontny