Regentag mit Orang-Utan

OrangUtan

Ich breche aus, er ist eingesperrt. Trotzdem ist da dieses Verständnis. Wir zwinkern uns zu. Ich lese ihm vor. Aus „Verkaufe Haus, in dem ich nicht mehr wohnen will“ von Bohumil Hrabal. Der Orang-Utan winkt. Vielleicht hat er Hunger. Oder will mit. Nach Prag. Spontan. An einem Regentag wie diesem. Doch dann reicht uns beiden das Staubkorn Sonne, das langsam die Wolken zerbeißt. Immobilienanzeige zurückgezogen. Wir bleiben.

© Text und Foto: Karin Kontny

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Ernte

Tilmans

 

Deine Achselhaare deine

schönen Achselhaare du

hast sie rasiert nun liegt

 

brach und abgeerntet

gemäht dein Hautfeld da weißes

 

Land darinnen Stoppeln

ich vermisse die Ähren und

das Pheromon in der Hitze

 

auf deinen Äckern ausgestreut

damit mein Mund darin kaut

dich atmet und müde versinkt.

 

© Text: Karin Kontny;

zur Arbeit „Chemistry Square, armpit“ (1992)  von Wolfgang Tillmans

Critique de la vie quotidienne

Aufstehen. Streife mir den Schweiß der Nacht über den Kopf. Im Radio das Horoskop füllt meinen Zahnputzbecher mit Schaum. Die Haut glänzt ölig. Von draußen das Licht. Auf dem Fensterbrett Staub, macht die Bücher trüb. Kaffeefleck auf der Zeitung. Die Butter ist ranzig. Instagram raubt mir Identität und Verstand. Der lacht: Ich bin alltäglich.

© Text und Foto: Karin Kontny

 

 

Deine Hand ist ein Gast

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Auf dem Badewannenrand steht dein Gestern und Vorbei. Sie hat es benutzt, das Shampoo, das ihrem Haar diesen Glanz und eine Kraft und ein Volumen schenkte. Ihrem dunklen Haar. Sie trägt es, ich sah es auf einem Foto, das du mir beiläufig und hektisch zeigtest, zu einem Pferdeschwanz gebunden. Fest im Nacken, dicht und ordentlich. An ihren Ohrläppchen – oder war es ihr Hals? – Perlen, wie ich sie nie tragen würde. Ich bin hier jetzt. So anders als sie. Probiere einen Platz aus, der mir nicht gehört. Trinke Kaffee in eurer Küche und begegne euren Nachbarn, die ein langes Gespräch führen mit dir, auf dem Treppenabsatz. Um mich zu mustern, die Frau wenige Wochen später. Wir gehen nach Hause, sagst du, und der Satz ist nur deiner. Aber es stört mich nicht. Ich bin ein Besuch in deinem Haus und deine Hand ist ein Gast auf mir. Dann, wenn du schwer atmest und das Haarband aus dem Nacken ziehst, das du mir geliehen hast, ohne deine Vergangenheit zu fragen.

Wir teilen das Glück der verlierbaren Nähe. Einen Tag lang noch.

© Text und Foto: Karin Kontny